Demosthenes
Demosthenes (griechisch: Δημοσθένης, Dēmosthénēs; * 384 v. Chr.; † 322 v. Chr. in Kalaureia) war der bedeutendste griechische Redner. Nach dem Philokratesfrieden (346 v. Chr) stieg er zum führenden Staatsmann Athens auf. Diese Position konnte er bis zur Harpalosaffäre (324 v. Chr.) behaupten.
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Leben
Mit sieben Jahren verlor Demosthenes seinen Vater. Im Alter von zwanzig Jahren klagte er die Verwalter seines Erbes wegen angeblicher Veruntreuung an. Später benutzte er die so gewonnene Bekanntheit und die dabei erworbenen Kenntnisse, um sich jungen Männern in ähnlicher Lage als Logograph anzubieten.
Ab 355 v. Chr. trat Demosthenes in politischen Prozessen als Gefolgsmann von Eubulos auf. Später wechselte er die Seite, indem er angesichts der wachsenden Macht Philipp II. von Makedonien forderte, überschüssige Gelder nicht mehr über die Kasse für Schauspielgelder den Bürgern zukommen zu lassen, sondern für militärische Zwecke zu verwenden (Olynthische Reden). 346 v. Chr. gehörte er mit Philokrates und Aischines der zehnköpfigen Athener Delegation an, die in Pella mit Philipp einen Friedensvertrag abschloss. Später klagten Demosthenes und seine Gefolgsleute (darunter Hypereides) seine Mitgesandten an.
Zum führenden Staatsmann Athens aufgestiegen, schmiedete Demosthenes ein Bündnis gegen Philipp. Dieses Bündnis unterlag Philipp 338 v. Chr. in der Schlacht von Chaironeia. Trotzdem konnte Demosthenes seine Stellung behaupten. 330 v. Chr. gewann er einen spektakulären Prozess gegen Aischines. Die in diesem Prozess gehaltenen Reden (Aischines: Gegen Ktesiphon, Demosthenes: Für Ktesiphon [18.], auch Kranzrede genannt) galten lange als die Meisterwerke der antiken Rhetorik.
324 v. Chr. flüchtete der Schatzmeister Alexanders des Großen, Harpalos, nach Athen. Nach seiner Verhaftung ergab eine Überprüfung, dass ein Teil der von ihm mitgebrachten Gelder fehlte. Dies nutzte Hypereides, um Demosthenes zu stürzen.
Nach dem Tod Alexanders (323 v. Chr.) kehrte Demosthenes aus der Verbannung zurück. Nach der Niederlage Athens gegen den makedonischen Statthalter Antipatros nahm sich Demosthenes das Leben, um einer drohenden Verhaftung zu entgehen.
Werke
Unter dem Namen Demosthenes sind 61 Reden, 6 Briefe und 56 Prooimnien (hier: Bausteine für Reden) überliefert:
Reden vor der Volksversammlung (1-17)
In seiner ersten Rede vor der Volksversammlung, Über die Symmorien (14), schlägt Demosthenes vor, das Gesetz über die Steuergenossenschaften effektiver zu gestalten. Daneben kämpft er (noch ganz im Sinne von Eubulos) gegen eine mit der Warnung vor angeblichen persischen Rüstungen geschürte Kriegshysterie.
Seit der außenpolitischen Wende, für die vor ungefähr zwei Jahrzehnten Isokrates mit dem Plataikos und der Rede des Archidamos warb, verbanden sich immer wieder Athen und Sparta, während die kleineren peloponnesischen Staaten bei Theben Schutz vor Sparta suchten. Demosthenes versucht in der Rede Über die Megapoliten (16.) diese Strukturen aufzubrechen. Das ist der erste Schritt zum Bündnis mit Theben, das schließlich vor Chaironeia zustande kam.
In der Rede für die Freiheit der Rhodier (15), fordert Demosthenes, die vertriebenen rhodischen Demokraten zu unterstützen, und beschwört dazu alte Seebundsphantasien.
Die Sammlung der Reden gegen Philipp (1-12)
Die Erste Rede gegen Philipp (4.) entstand vielleicht noch vor der Rede für die Freiheit der Rhodier. Da davon das ganze Demosthenesbild abhängt, ist diese Frage in der Literatur heiß umkämpft.
Die Olynthischen Reden (1.-3.) entstanden 349. Der Streit um die Verwendung der Schauspielgelder ist in ihnen neben dem Aufruf zum Kampf gegen Philipp das Hauptthema.
In der Über den Frieden (5.) verurteilt Demosthenes den 346 geschlossenen Philokratesfrieden, fordert jedoch auf, sich an seine Bestimmungen zu halten, bis man neue Verbündete gefunden hat.
Die Zweite Rede gegen Philipp (6.) ist ein Bericht über eine Gesandtschaftsreise nach Messene und Argos, zwei Staaten, die bei Philipp Schutz vor Theben und Sparta suchten.
343 v. Chr. hatte Athen eine Gruppe von Kolonisten zur Halbinsel Chersones ausgesandt. Dabei gerieten sie in Konflikte mit der dort ansässigen Bevölkerung, in die sich Philipp einmischte. Daraufhin wollten einige den Anführer der Kolonisten, Diopeithes, abberufen, in Athen vor Gericht stellen und so den Frieden mit Philipp wahren. Dagegen wandte sich Demosthenes in der Rede über die Angelegenheiten in der Chersones (8.).
Die Rede Über Halonnesos (7.) stammt von Hegesippos, der als 11. Rede überlieferte Brief Philipps und die Antwort in der 12. Rede stammen aus der Philippika des Anaximenes von Lampsakos.
Die Dritte Rede gegen Philipp (9.) ist die leidenschaftlichste, hasserfüllteste. Die Vierte Rede gegen Philipp (10.) entspricht im Schlussteil weitgehend der Chersones-Rede. Bemerkenswert ist die im Mittelteil diskutierte Möglichkeit, von den Persern im Kampf gegen Philipp unterstützt zu werden.
Reden aus Prozessen wegen gesetzwidriger Anträge (18-26 )
Die Rede Gegen Leptines (20.) hielt Demosthenes 355 v. Chr. für den Sohn des zwei Jahre zuvor gefallenen Chabrias. Chabrias war mit der Atelie, der Freiheit von Abgaben für sich und seine Nachfahren, ausgezeichnet worden. Leptines hatte folgendes Gesetz durchgesetzt: „Es soll niemand die Atelie besitzen, mit Ausnahme der Nachkommen von Harmodios und Aristogeiton, noch soll es fernerhin erlaubt sein dieselbe zu verleihen.“ (160) Er wurde angeklagt, einen gesetzwidrigen Antrag gestellt zu haben. – Demosthenes Rede enthält kluge staatsphilosophische Überlegungen: Lepines’ Gesetz beschneidet die Rechte des Volkes, indem es auch für die Zukunft die Verleihung der Atelie verbietet. Mit der Verleihung der Atelie sei man eine Verpflichtung eingegangen. Hier erinnert Demosthenes daran, dass die wiederhergestellte Demokratie die Schulden zurückzahlte, die die Dreißig bei den Spartanern zur Bekämpfung der Demokraten aufnahm. (11ff)
Die Reden Gegen Androtion (22.) und Gegen Timokrates (24.) wurden von Diodoros, einen einfachen Bürger, gehalten. Demosthenes hatte als Redenschreiber die Aufgabe, ihm Worte in den Mund zu legen, die von den Hintermännern der Klagen ablenkten und sie als Privatrache erscheinen ließen. Der einfache Mann aus dem Volke sollte die Richter wegen angeblicher Übergriffe von Androtion bei der Steuereintreibung erzürnen und so die Verurteilung von Androtion und Timokrates (der sich mit einer Gesetzesvorlage für Androtion eingesetzt hatte) erreichen.
Aristokrates hatte ein Gesetz eingebracht: „So jemand den Charidemos ums Leben bringt, soll er im Bundeslande überall aufgegriffen werden können.“ (16) Der solchermaßen unter Schutz gestellte war ein gerissener Söldnerführer, der die Macht in Thrakien an sich gerissen hatte. – Die Rede Gegen Aristokrates (23.) soll zeigen, dass der Vorschlag von Aristokrates gesetzwidrig und nachteilig für den Staat ist. Zudem sei Charidemos einer solchen Ehre unwürdig. Zum ersten Punkt bringt er eine ausführliche Darstellung der für alle möglichen Fälle eines gewaltsamen Todes gültigen Gesetze und zuständigen Gerichte (19-99, hier gibt er ein ganzes juristisches Handbuch!); zum zweiten eine Kritik der Athener Politik in Nordgriechenland (100-143) und zum dritten eine Geschichte der Treuebrüche und Verrätereien von Charidemos (148-183). Am Schluss findet sich ein zu dem bisherigen, sachlichen Stil der Rede nicht passender Ausfall gegen sich bereichernde Politiker.
Gegen Meidias (21) ist ein vermutlich aus dem Nachlass veröffentlichter Entwurf einer nie gehaltenen Rede. Der reiche und mächtige Meidias hatte Demosthenes, der 348 v. Chr. Chorege bei den Dionysien war, auf der Bühne des Theaters geschlagen!
Die Reden Über die „Truggesandtschaft“ (19) und Für Ktesiphon (18., Kranzrede) richten sich gegen Aischines.
Reden aus Privatprozessen (27-59)
Vormundschaftsprozesse (27-31)
Die Rede Gegen Aphobos I (27.) enthält die Vormundschaftsrechnung, mit der Demosthenes den angeblich an ihm begangenen Betrug nachzuweisen versucht. In Gegen Aphobos II (28.) berichtet er von einem Antidosisverfahren, mit dem er um seine Ansprüche gebracht werden sollte.
Aus den beiden Reden Gegen Onetor (30. und 31.) geht hervor, dass Demosthenes zwar den Prozess gegen Aphobos gewann, aber dennoch nicht (oder wenigstens nicht gleich und in vollen Umfang) von diesem Geld bekam. Noch bevor der Prozess gegen Aphobos entschieden wurde, ließ sich Aphobos scheiden, und als Demosthenes nach dem Urteil seinen Besitz pfänden wollte, kam ihm dessen ehemaliger Schwager, der schwerreiche Onetor zuvor. Er behauptete, das entsprechende Grundstück stehe ihm zu, da Aphobos nach der Scheidung die Mitgift zurückzahlen müsse. Demosthenes versucht dagegen zu zeigen, dass in Wirklichkeit gar keine Scheidung stattfand.
Der Streit um das Erbe des Bankiers Pasion (36. und 45.)
Demosthenes schrieb, vermutlich 350 v. Chr., die Rede Für Phormion (36.), für einen ehemaligen Sklaven von Pasion, der gemäß einer testamentarischer Verfügung dessen Witwe geheiratet hatte und das Geschäft weiterführte. Gegner in diesem Prozess war Pasions Sohn Apollodoros.
Ein Jahr später beschuldigte Apollodoros Stephanos, im Prozess gegen Phormion falsch ausgesagt zu haben; und diese Rede (Gegen Stephanos [45.]) schrieb wieder Demosthenes. Der Grund für diesen ungewöhnlichen Wechsel zur Gegenpartei bestand vermutlich darin, das Apollodoros als Mitglied des Rates das Risiko auf sich genommen hatte, die Verwendung der Schauspielgelder für Kriegszwecke zu beantragen.
Aufgrund dieser einen Rede wurden auch sechs weitere, von Apollodorus gehaltene und von ihm oder einen unbekannten Logographen geschriebene Reden in der Sammlung der Demosthenesreden überliefert.
Weitere Reden aus Privatprozessen
In Gegen Zenothemis (32.) geht es um Betrüger, die dieselbe Schiffsladung zweimal verkauften und um nicht entdeckt zu werden, ein Loch in die Schiffswand schlugen.
Bei der Überprüfung der Bürgerrolle hatte Eubulides als Vorsteher des Dorfes Halimus die Streichung von Euxitheos durchgesetzt. Dieser klagt ihn deshalb in Gegen Eubulides (57.) an: Eubulides wollte sich an ihm rächen, weil er mit seiner Aussage bewirkte, dass er in einem anderen Prozess unterlag.
Festreden (60. und 61.)
Der antike Demosthenesherausgeber (vermutlich Kallimachos) wollte neben den beratenden Reden und Gerichtsreden die Sammlung mit ein paar Prunk- oder Festreden abrunden. Der Erotikos (61.) stammt sicher nicht von Demosthenes, während der Ephitaphios (60.) vielleicht tatsächlich die 338 v. Chr. von Demosthenes für die bei Chaironeia Gefallenen gehaltene Rede ist.
Fortleben
Cicero schätze Demosthenes sehr hoch. Er plante eine Übersetzung der Kranzrede, davon ist die Einleitung erhalten. Seine Reden gegen M. Antonius nannte er nach Demosthenes’ Vorbild Philippische Reden.
1470 gab Kardinal Bessarion die Olynthischen Reden heraus, um zum Kampf gegen die Türken aufzufordern. Niebuhr übersetzte die Erste Rede gegen Philipp, um den Kampf gegen Napoleon anzufeuern.
Gegen die Auffassung von Demosthenes als Kämpfer für die Freiheit erhoben sich spätestens nach dem Erscheinen von Droysens Alexanderbiographie (1833) Stimmen, die in seinem Kampf einen aussichtslosen Widerstand gegen die Einigung Griechenlands sahen.
Ausgaben
Demosthenes. Politische Reden. Übersetzt und Herausgegeben von Wolfhart Unte. Stuttgart: Reclam 1985 (Enthält die Reden 1-10 mit Ausnahme der von Hegesippos stammenden 7. Rede)
Demosthenes. Ausgewählte Reden. Verdeutscht von Prof. A. Westermann. Langenscheidtsche Verlagsbuchhandlung: Berlin 1855-1911
Demosthenes. Rede über die Krone. Übersetzt von Friedrich Jacobs. Herausgegeben von Dr. Max Oberbreyer. Leipzig 1877 (Schönere Übersetzung der Kranzrede)
Dieter Irmer. Demosthenes 54, 11-12: ein medizinisches “Gutachten”, Medizinhistorisches Journal 2 (1967), S. 54-62
Literatur
Ausgewogene Darstellungen:
- Plutarch (In der Parallelbiographie Demosthenes/Cicero)
Demosthenesbewunderer:
- Werner Jaeger: Demosthenes, Berlin 1939
- Gustav Adolf Lehmann: Demosthenes von Athen. Ein Leben für die Freiheit. Beck, München 2004, ISBN 3-406-51607-6
Demostheneskritiker:
- Engelbert Drerup: Aus einer alten Advokatenrepublik. Paderborn 1916
über Demosthenes als Gerichtsredner:
- Hans Julius Wolff, Demosthenes als Advokat, Berlin 1968
Weblinks zu zu
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Demosthenes |
| KURZBESCHREIBUNG | Redner des antiken Griechenland |
| GEBURTSDATUM | 384 v. Chr. |
| STERBEDATUM | 322 v. Chr. |
| STERBEORT | Kalaureia |
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